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Gedenkstätte
am "Checkpoint Charlie" für die Toten an
der Berliner
Mauer und an der innerdeutschen Grenze -
initiert vom Museum Checkpoint Charlie und der Arbeitsgemeinschaft
13. August
Konzept
für das DDR-Gedenken in Berlin
von Stiftung HSH am 29.Nov.2004 17:09
1. Berlin - Hauptstadt zweier Diktaturen
Die
Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert ist geprägt
von zwei Diktaturen mit totalitärem Machtanspruch:
Nationalsozialismus und die ostdeutsche Spielart des Sowjetkommunismus.
Hauptstadt beider Regime war Berlin.
Vom
30. Januar 1933 bis zum 8. Mai 1945 regierten hier die Nationalsozialisten,
die zuerst Demokratie und Rechtsstaat zerstörten, ihre
inneren Gegner ausschalteten, dann einen Weltkrieg entfesselten
und schließlich Millionen jüdischer Menschen
in Vernichtungslagern töteten. Am Ende dieser Politik
standen die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht
und die militärische Besetzung Deutschlands.
Im
sowjetisch besetzten Teil installierte diese Siegermacht
eine neue, kommunistische Diktatur. Statt einen demokratischen
Neuanfang zu ermöglichen, wurden Hunderttausende in
Lager gesperrt oder in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit
verschleppt; viele kehrten nie zurück. Nach der Gründung
der DDR am 7. Oktober 1949 war Ost-Berlin vierzig Jahre
lang Hauptstadt eines kommunistischen Teilstaates, aus dem
mehr als zwei Millionen Menschen flüchteten, in dem
es über 200.000 politische Gefangene gab und an dessen
Grenzen rund 1000 Menschen getötet wurden.
Die
Reichweite der SED-Herrschaft endete an der befestigten
Grenze zur Bundesrepublik und an der Mauer in Berlin. Im
Westen Deutschlands und in den Berliner Westsektoren bekamen
die Deutschen die Chance zum Aufbau einer parlamentarischen
Demokratie. Die Teilung Deutschlands, die nirgendwo so sichtbar
wurde wie in Berlin, demonstrierte deshalb auch jahrzehntelang
den Gegensatz zwischen Freiheit und Diktatur. Erst mit der
friedlichen Revolution in der DDR und dem Fall der Mauer
am 9. November 1989 gewann die Freiheit die Oberhand, so
dass die Wiedervereinigung aller Deutschen in einem gemeinsamen
Staat möglich wurde.
2.
Berlin und die Zeugnisse seiner Vergangenheit
In
keiner anderen deutschen Stadt sind die architektonischen
Zeugnisse beider Diktaturen so dicht gestreut wie in Berlin.
Da hier die Machtapparate ihre Zentrale hatten, stößt
man bis heute auf ihre vielfältigen baulichen Hinterlassenschaften.
Ein Spaziergang durch die Stadt ist zwangsläufig auch
ein Gang durch die jüngere deutsche Geschichte.
Während
Berlin in der Vergangenheit die Überbleibsel der dunklen
Seiten seiner Geschichte eher schamvoll versteckt hat, ist
in den letzten Jahren ein Bewusstseinswandel eingetreten:
Orte wie das Haus der Wannseekonferenz, die Topographie
des Terrors oder das Jüdische Museum, die auf unterschiedliche
Weise an die nationalsozialistische Diktatur erinnern, wurden
zu einem festen Bestandteil der historischen Erinnerungskultur.
Das Mahnmal für die Opfer des Holocaust in unmittelbarer
Nähe des Brandenburger Tors, das kurz vor der Fertigstellung
steht, markiert für alle sichtbar den vorläufigen
Schlusspunkt dieser Entwicklung.
Der
Grund dafür liegt auf der Hand: Wie jede Nation schöpfen
auch die Deutschen ihre Identität zu einem erheblichen
Teil aus dem Verständnis der eigenen Geschichte. Die
parlamentarische Demokratie in der Bundesrepublik ist ohne
die Lehren aus der mörderischen Geschichte des Nationalsozialismus
nicht denkbar. Die Abgrenzung von den Tätern sowie
die Würdigung der Opfer und des Widerstands sind zu
Säulen unserer politischen Kultur geworden. Dies war
nicht immer so, sondern musste erst in einem langen und
schwierigen Prozess in Jahrzehnten erlernt werden.
Doch
nicht nur Berlin ist sich heute seiner jüngeren Geschichte
mehr denn je bewusst. Auch die Besucher fragen immer häufiger
nach den Spuren der Vergangenheit. Berlin-Touristen interessieren
sich nicht nur für Shopping, Kulturveranstaltungen
oder traditionelle Sehenswürdigkeiten, sondern wollen
vielfach auch die dramatischen Geschehnisse des 20. Jahrhundert
näher erkunden. Die Berliner Mauer steht im Interesse
potenzieller Berlin-Touristen noch vor dem Brandenburger
Tor an erster Stelle. Auch die Besucherzahlen des Jüdischen
Museums oder des Museums am Checkpoint Charlie bestätigen
auf eindrucksvolle Weise diesen Trend. Im eigenen, nicht
zuletzt auch wirtschaftlichen Interesse sollte sich Berlin
der neuen historischen Neugier nicht verschließen.
3.
Berlin und die Erinnerung an die SED-Diktatur
Während
die Zeit des Nationalsozialismus durch eine Vielzahl kleiner
und großer Einrichtungen in den letzten Jahren erschlossen
wurde, betritt man mit der Erinnerung an die SED-Diktatur
immer noch Neuland. 15 Jahre nach dem Sieg der friedlichen
Revolution in der DDR befinden wir uns noch mitten im Prozess,
in dem Gegenwart zur Geschichte wird. Keine andere Stadt
in Deutschland hat ihr Gesicht in den letzten Jahren so
gewandelt wie Berlin. Die Grenzanlagen wurden geschleift
und die äußerlichen Wunden der Teilung fast alle
geschlossen. Selbst gebürtige Berliner haben mittlerweile
Schwierigkeiten anzugeben, wo früher einmal die Mauer
verlief. Zentrale Gebäude der einstigen Machthaber
wie das, in dem das Zentralkomitee der SED residierte, oder
das Haus der Ministerien sind heute vielfach nur noch als
Sitz von Außen- und Finanzministerium bekannt.
Um
so wichtiger ist es, in einer solchen Situation darüber
nachzudenken, wie einmal in 20 oder 30 Jahren die Erinnerung
an die Zeit der kommunistischen Diktatur und der Teilung
den Nachgeborenen vermittelt werden soll. Schon heute zeigen
sich viele Besucher irritiert, wenn sie im Stadtbild vergeblich
nach der Berliner Mauer suchen. Doch nicht nur das Grenzregime
mit dem Todesstreifen und den Wachtürmen ist nahezu
unauffindbar geworden. Auch viele andere Orte kommunistischer
Herrschaft haben ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verändert
oder sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Wenn wir nicht
aufpassen, vernichten wir selbst die Möglichkeit, die
Geschichte auf authentische und sinnlich nachvollziehbare
Weise wach zu halten.
Anders
als beim Nationalsozialismus fehlt es für die Zeit
der SED-Diktatur dabei bis heute an einem in der Gesellschaft
breit verankerten Geschichtsbild, mit dem die Lehren aus
der Vergangenheit gezogen werden. Von denen, die Widerstand
gegen das SED-Regime geleistet haben, zum Beispiel beim
Volksaufstand am 17. Juni 1953, ist kaum ein Name bekannt.
Die großartige gewaltfreie Freiheitsbewegung vom Herbst
1989, die zum Sturz der Mauer und der SED-Diktatur führte,
wird nirgendwo in der Stadt gewürdigt. Die Abgrenzung
von den Tätern blieb unzureichend und vieldeutig, so
dass eine Verklärung der diktatorischen Vergangenheit
zur "Heimat DDR" möglich wurde. Vor allem
aber mangelt es bis heute an einer angemessenen Würdigung
der Opfer, die auch die Nachgeborenen sichtbar daran erinnert,
dass diese mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit für
das kommunistische System und die Teilung unseres Landes
bezahlten.
Bei
der Erinnerung an die Zeit der SED-Herrschaft geht es nicht
um einen nachholenden Geschichtsunterricht - sie ist notwendig,
um unsere Zukunft demokratisch zu gestalten. Wir müssen
uns bewusst sein, dass die Täter von gestern und ihre
Opfer heute gemeinsam in diesem Land leben und es ihren
Kindern aufgegeben ist, die Geschichte der Deutschen fortzusetzen.
Von der Kraft der demokratischen Tradition, in der die Erinnerung
an die beiden Diktaturen und ihre Folgen aufgehoben ist,
hängt es ab, wie sie diesen Weg gestalten werden.
Der
Berliner Senat hat es versäumt, bei diesem Thema frühzeitig
entsprechende Weichenstellungen vorzunehmen. Nach der Wiedervereinigung
der Stadt haben Regierung und Opposition eher eine abwartende
Gleichgültigkeit an den Tag gelegt, als selber initiativ
zu werden und die Rahmenbedingungen für ein angemessenes
Erinnern zu schaffen. Erst in jüngster Zeit ist Bewegung
in die Politik gekommen.
Das
Museum "Haus am Checkpoint Charlie" hat auf einem
gepachteten Grundstück an der Berliner Friedrichstraße
ein privates Mahnmal für die Mauertoten errichtet,
das aus einem 144 Meter langem Stück Mauer über
1065 Holzkreuzen besteht. Während die Regierung dem
Denkmal kritisch gegenüber steht, signalisieren Besucher
und Vertreter von Opferverbänden Zustimmung; seine
Zukunft ist bislang ungewiss. Die CDU im Berliner Abgeordnetenhaus
hat den Senat inzwischen aufgefordert, bis zum 30. April
2005 ein Gesamtkonzept zur öffentlichen Darstellung
der jüngsten deutschen Geschichte vorzulegen. Gleichzeitig
haben Abgeordnete des Deutschen Bundestags aus FDP, Bündnis
90/Die Grünen und CDU auf Initiative des SPD-Abgeordneten
Stephan Hilsberg einen Antrag eingebracht, der am Brandenburger
Tor einen zentralen Erinnerungsort für die Opfer der
Mauer vorschlägt. Sie fordern die Bundesregierung und
das Land Berlin auf, bis zum 13. August 2005 ein Rahmenkonzept
vorzulegen.
Die
überfällige Debatte um ein Berliner Gedenkstättenkonzept
hat damit begonnen. Sie ist auch deshalb dringlich, weil
an diversen Punkten akuter Handlungsbedarf besteht. Dabei
kann es der Sache nur schaden, wenn sie zum Gegenstand parteipolitischer
Auseinandersetzungen wird. Die Gemeinsamkeit aller Demokraten
sollte sich gerade beim Umgang mit der diktatorischen Vergangenheit
erweisen. Aus diesem Grund wollen wir mit diesem Papier
aus der Sicht unabhängiger Experten Vorschläge
für ein Konzept künftiger Erinnerung an die untergegangene
SED-Diktatur machen und zur Diskussion stellen.
4.
Berlin braucht eine Bestandsaufnahme
Wenn
wir die Erinnerung an die SED-Diktatur stärken wollen,
brauchen wir zunächst eine Bestandsaufnahme dessen,
was vorhanden ist. An einigen Punkten der Stadt wird schon
heute professionell der Vergangenheit gedacht. An anderen
Stellen arbeiten Provisorien, deren Zukunft ungewiss ist
und die oft nur unzureichend ihren Aufgaben gerecht werden
können. Schließlich gibt es Überbleibsel
der jüngsten deutschen Geschichte, die es erst noch
zu entdecken und zu erschließen gilt.
Zu
den Einrichtungen, die schon heute eine wichtige Rolle bei
der Erinnerung an die SED-Diktatur und die Zeit der Teilung
spielen und deren Existenz gesichert scheint, gehören:
- das private Museum "Haus am Checkpoint Charlie",
- die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen,
- das Informations- und Dokumentationszentrum der Bundesbeauftragten
für die Stasiunterlagen,
- das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst,
- das Alliiertenmuseum in Zehlendorf.
Zu
den Einrichtungen, die schon heute auf dem Gebiet der Erinnerungsarbeit
tätig sind, deren Zukunft aber nicht dauerhaft gesichert
ist, zählen:
- die Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstrasse,
- die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Strasse,
- die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde,
- der Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstrasse,
- die Wachtürme in Berlin-Mitte und am Checkpoint Bravo.
Zu
den Orten, die im Stadtbild zwar erhalten geblieben sind,
aber für die historische Erinnerung gar nicht oder
unzureichend erschlossen sind, gehören:
- die Mauerreste an verschiedenen Stellen des ehemaligen
Grenzverlaufs,
- die alte und die neue Parteizentrale der SED an der Torstrasse
bzw. am Werderschen Markt,
- das Staatsratsgebäude der DDR,
- die ehemalige Stalinallee, heute Frankfurter Allee,
- das frühere Haus der Ministerien und andere Schauplätze
des Volksaufstands am 17. Juni 1953,
- die Gethsemanekirche, der Alexanderplatz und weitere Orte
der friedlichen Revolution im Herbst 1989,
- das frühere Untersuchungsgefängnis in der Pankower
Kissingenstrasse, das ehemalige Arbeitslager des Staatssicherheitsdienstes
in Berlin-Hohenschönhausen und andere Haftorte der
SED-Diktatur.
Diese
Aufzählung ist keineswegs vollständig, sondern
im Rahmen einer umfassenden Bestandsaufnahme durch weitere
zu ergänzen. Darüber hinaus muss sie durch Angaben
über die gegenwärtige Nutzung, die jeweiligen
Träger, die verkehrliche Anbindung und, sofern es um
bereits in der Erinnerungsarbeit tätige Einrichtungen
handelt, über die inhaltlichen Schwerpunkte, die Finanzierung
und die Besucherzahlen ergänzt werden.
5.
Vorschläge für ein Konzept der Erinnerung
Wenn
man die Zeit der Teilung und der kommunistischen Diktatur
im Stadtbild besser sichtbar machen will, bedarf es dazu
eines abgestimmten Konzeptes. Dieses muss aufzeigen, an
welchen Stellen auf welche Weise der Zugang zur Geschichte
eröffnet werden soll. Es muss Themenschwerpunkte benennen
und Aussagen über die angestrebte Formensprache machen.
Es muss nicht zuletzt Vorschläge machen, wie die über
die Stadt verstreuten Orte der Erinnerung besser miteinander
vernetzt werden können.
Aus
unserer Sicht stehen dabei folgende Grundaussagen im Vordergrund:
Erstens:
Die beste Form der Erinnerung bieten die authentischen Orte.
Da die Wirkung des Originals durch nichts zu ersetzen ist,
müssen die baulichen Hinterlassenschaften der SED-Diktatur
bewahrt, erhalten und erschlossen werden. Die Möglichkeiten
ihrer Präsentation reichen von speziellen history maps
und history guides über erläuternde Hinweistafeln
bis hin zur Einrichtung kleiner Ausstellungen oder ganzer
Museen. Zentrale und weitgehend unverändert erhalten
gebliebene Orte wie die ehemalige Stasi-Zentrale in der
Normannenstrasse und der Tränenpalast an der Friedrichstrasse
müssen unbedingt durch solide Nutzungs- und Finanzierungskonzepte
langfristig gesichert werden.
Zweitens:
Geht man von den Themenschwerpunkten künftiger Erinnerung
an die SED-Diktatur aus, stehen drei Komplexe im Vordergrund:
Diktaturausübung und politische Verfolgung in der sowjetischen
Besatzungszone und der DDR; Geschichte der Teilung, der
Mauer und der Fluchtbewegung in Berlin; Opposition und Widerstand
vom Volksaufstand am 17. Juni 1953 bis zur friedlichen Revolution
im Herbst 1989. Für jedes dieser Themen gilt es zu
durchdenken: Wo sind authentische Orte erhalten geblieben,
die darüber Auskunft geben können? Wo und wie
können Besucher und Nachgeborene in professioneller
Form darüber informiert werden? Wo und wie kann eine
sichtbare und würdige Form des Gedenkens gestaltet
werden?
Drittens:
Berlin verfügt über eine Fülle historischer
Orte, die an die Zeit der kommunistischen Diktatur und die
Teilung der Stadt erinnern. Es kommt vor allem darauf an,
diese Orte besser zu erschließen und stärker
miteinander zu vernetzen. Ein Geschichts-Shuttle der BVG
könnte die verstreuten Orte regelmäßig miteinander
verbinden. Gedenkstätten könnten Reiseveranstalter
fachlich qualifizieren und auf historische Sightseeing-Touren
hinweisen. Verlage und Tourismusorganisationen könnten
entsprechende Stadtpläne und Prospekte herausgeben.
Museen und Gedenkstätten sollten auf ihre Angebote
gegenseitig hinweisen. Sie sollten die Bezirke beraten,
wie diese die noch unerschlossenen Orte sichtbar machen
und durch ein funktionierendes Leitsystem verbinden können.
Unter
den genannten Fragestellungen schlagen wir für die
einzelnen Themenfelder folgende Lösungen vor:
A.
Diktatur und politische Verfolgung in der sowjetischen Besatzungszone
und der DDR: Die Geschichte politischer Verfolgung wird
im früheren Stasi-Gefängnis, heute Gedenkstätte
Berlin-Hohenschönhausen, und in der einstigen Stasi-Zentrale,
heute Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstrasse,
auf unmittelbare Weise anschaulich. Beide Orte stehen für
unterschiedliche Aspekte des Terror- und Überwachungsapparates
der Stasi. Sie müssen vor dem Verfall geschützt
und für künftige Generationen bewahrt werden.
Für Besucher der Stadt sollten beide Orte besser erschlossen
werden, wofür die Einrichtungen aufgefordert sind,
konkrete Vorschläge vorzulegen.
In
der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen sollte
das nationale Gedenken für die Verfolgten der kommunistischen
Gewaltherrschaft konzentriert werden, während in der
ehemaligen Stasi-Zentrale das Funktionieren der Diktatur
im Mittelpunkt stehen muss. Neben der Tätigkeit des
Staatssicherheitsdienstes sollte hier auch die Geschichte
der SED, ihre Entstehung, ihre totalitäre Ideologie
und ihre Politik dargestellt werden. Diese haben bislang
keinen Ort der Erinnerung, so dass die Diktaturpartei oft
hinter ihrem "Schild und Schwert" verschwindet.
Die Zukunft des Gebäudes mit den früheren Räumlichkeiten
Erich Mielkes muss gesichert werden, wozu seit langer Zeit
zwei ausführliche Konzepte vorliegen, die zusammengeführt
werden sollten. Das Land Berlin sollte zusammen mit dem
Bund eine Arbeitsgruppe aus allen Beteiligten einrichten,
die ein konkretes Nutzungs- und Finanzierungskonzept für
das Gebäude erarbeitet.
Als
Informationsort im Herzen der Stadt sollte das Informations-
und Dokumentationszentrum der Bundesbeauftragten für
die Stasi-Unterlagen in der Mauerstraße dienen, in
dem über die Tätigkeit der Stasi umfassend informiert
wird. Vor allem für Berlin-Touristen muss es verstärkt
als Anlaufstelle genutzt werden und diese zugleich zu den
authentischen Wirkungsstätten der Stasi weiterleiten.
Aber auch weniger bekannte Orte wie das frühere Zentralkomitee
der SED oder das Stasi-Gefängnis in der Prenzlauer
Allee müssen durch Tafeln, Wegweiser oder kleinere
Ausstellungsbereiche sichtbar gemacht werden.
B.
Geschichte der Teilung, der Mauer und der Fluchtbewegung
in Berlin: Die Geschichte der Teilung ist im Mauermuseum
an historischer Stätte, dem Checkpoint Charlie, dokumentiert.
Das neu errichtete Mahnmal aus Holzkreuzen sollte so lange
erhalten bleiben, wie keine bessere Lösung des Gedenkens
gefunden ist. Dadurch besteht die Chance, praktische Erfahrungen
mit seiner Wirkung auf Einheimische und Besucher zu machen
und Entscheidungen über die beste Formensprache der
Erinnerung nicht - wie beim Denkmal für den Volksaufstand
am 17. Juni - vom grünen Tisch zu treffen. Sollte es
dauerhaft erhalten bleiben, müsste es durch einen Ort
der Information ergänzt werden, in dem das DDR-Grenzregime
erklärt und auf weitere Möglichkeiten, sich das
Thema zu erschließen, hingewiesen wird.
Alternativ
dazu steht das dem Bundestag vorgeschlagene Denkmal mit
den Namen der Mauertoten in der Nähe des Brandenburger
Tors. Sollten sich Bund und Land für diese Form zentralen
Gedenkens entscheiden, schlagen wir vor, den Aufbau der
Grenzanlagen der DDR durch eine museale Rekonstruktion auf
dem Gelände am Checkpoint Charlie sichtbar zu machen.
Für einen vertiefenden und stärker intellektuellen
sowie pädagogischen Zugang sollte die Gedenkstätte
Berliner Mauer an der Bernauer Strasse dauerhaft gesichert
werden. Dasselbe gilt für die Erinnerungsstätte
Notaufnahmelager Marienfelde, wo auf anschauliche Weise
die Fluchtbewegung dargestellt wird.
C.
Opposition und Widerstand vom Volksaufstand am 17. Juni
1953 bis zur friedlichen Revolution im Herbst 1989: Opposition
und Widerstand gegen die kommunistische Diktatur sind bis
heute in Berlin so gut wie gar nicht dokumentiert. Dadurch
begibt sich die Stadt der Chance, gerade die positiven Seiten
der DDR-Geschichte sichtbar zu machen und jene Menschen
öffentlich zu ehren, die unter großem persönlichen
Risiko für Freiheit und Demokratie gekämpft haben.
Ein möglicher Ort für eine derartige Dokumentation
könnte der Tränenpalast sein, der nicht nur zentral
gelegen, sondern vor allem auch ein wichtiger historischer
Ort ist. Eine Ausstellung des Hauses der Geschichte zu diesem
Themenbereich liegt bereits vor und könnte dort als
Dauerausstellung genutzt werden. Dabei ist auch deutlich
zu machen, dass Flucht und Ausreise die zahlenmäßig
gewichtigste Form des Protestes gegen die SED-Herrschaft
waren.
Stärker
erschlossen und sichtbar gemacht werden müssten auch
die Schauplätze des Volksaufstandes am 17. Juni 1953
wie das ehemalige Haus der Ministerien an der Leipziger
Strasse (heute: Finanzministerium) oder die frühere
Stalinallee (heute: Frankfurter Allee). Da die bestehenden
Denkmale im Stadtbild kaum zu erkennen sind, plädieren
wir dafür, die großformatigen Fototafeln am Finanzministerium
zu erhalten oder ggf. zu erneuern, um sichtbar an die Ereignisse
auf dem Vorplatz des Gebäudes sichtbar hinzuweisen.
Darüber
hinaus müssen aber auch die Orte der friedlichen Revolution
im Herbst 1989 wie die Zionskirche, die Gethsemanekirche,
die Samariterkirche oder der Alexanderplatz durch Hinweistafeln,
Hörstationen und kleinere Ausstellungsbereiche erschlossen
werden. Auch eine große Berliner Strasse sollte an
den gewaltfreien Sturz der SED-Herrschaft vor 15 Jahren
erinnern.
Nicht
zuletzt sollte die Geschichte des Freiheitskampfes in Westberlin
an den einschlägigen Plätzen und Gebäuden
- von der Freien Universität Berlin über das Luftbrückendenkmal
am Flughafen Tempelhof bis hin zum Rathaus Schöneberg
mit der Freiheitsglocke - stärker sichtbar gemacht
werden. Auch hierzu liegen bereits konkrete Vorschläge
vor, und die Freie Universität Berlin hat erst jüngst
in einer Ausstellung an ihre Gründungsgeschichte erinnert.
6.
Die Aufgaben der Stadt
Aufgabe
des Senats ist es, die Voraussetzungen für eine angemessene
und professionell gestaltete Erinnerung an die SED-Diktatur
zu schaffen. Dazu bedarf es nicht nur einer abgestimmten
Konzeption im Sinne der vorgenannten Vorschläge, sondern
auch einer organisatorischen Form, in der die vielfältigen
Aufgaben, die sich in diesem Zusammenhang stellen, angegangen
werden.
Die
zuständige Berliner Kulturverwaltung ist aufgerufen,
die oben genannte ausführliche Bestandsaufnahme zu
erstellen, zu der Vorarbeiten bereits vorliegen. Sie sollte
zudem die verschiedenen Kooperationspartner an einen Tisch
bringen, um intelligente Lösungen zu entwickeln, von
denen am Ende alle etwas haben: Gedenkstätten, Museen,
Opferverbände, Vereine, Tourismusorganisationen, Verkehrsbetriebe,
private Reiseveranstalter, Verlage und vor allem die betroffenen
Bezirke.
Eine
wichtige Rolle kommt in diesem Zusammenhang dem Arbeitskreis
II der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten zu, in
dem die wichtigsten Einrichtungen auf diesem Gebiet zusammengeschlossen
sind. Nicht zuletzt muss die Regierung des Landes Berlin,
zusammen mit dem Bund, die notwendigen finanziellen Rahmenbedingungen
schaffen.
Im
Ergebnis all dieser Bemühungen könnte eine Topographie
der Erinnerung stehen, die dafür sorgt, dass die Geschichte
der kommunistischen Diktatur in Deutschland nicht in Vergessenheit
gerät.
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